Der Zug

Der Weg aus der Kontroll Sucht

Date

29.12.2025

29.12.2025

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Category

Weisheit, Verlust, Zeit, Deligieren, Kontrolle, Sucht

Weisheit, Verlust, Zeit, Deligieren, Kontrolle, Sucht

/

Writer

Steffen

Steffen

photo of train station
photo of train station
photo of train station

Es beginnt im Körper, lange bevor es ein Gedanke wird.

Diese innere Stimme, die sagt: Nur wenn du da bist, läuft es rund. Nur wenn du vor Ort bist, bleiben die Dinge in der Spur. Ein Tag Abstand fühlt sich nicht nach Pause an, sondern nach Kontrollverlust. Als hätte man die Hände vom Lenkrad genommen, während das Fahrzeug weiterfährt.

Vor Ort ist es anders. Dort steht alles unter Spannung, aber es ist eine Spannung, die sich führen lässt. Fragen tauchen auf, klein und groß, und in dem Moment, in dem sie auftauchen, lösen sie sich oft schon wieder, weil man da ist. Man sieht, was gemeint ist. Man hört den Ton. Man spürt, was zwischen den Zeilen liegt. Eine Entscheidung fällt, bevor das Problem schwer wird. Aus diesem Rhythmus entsteht etwas, das fast süchtig macht: eine durchgängige Ruhe.

Ich beschreibe es manchmal wie Jonglieren. Mehrere Bälle in der Luft, und der Eindruck, dass sie oben bleiben, weil man sie mit Blick und Präsenz zusammenhält. Nicht nur mit Händen, eher mit dieser wachen Art von Anwesenheit, die alles sortiert, während es passiert.

Dann gibt es diese anderen Tage. Die Tage, an denen man im Büro sitzt, hinter dem Rechner, und versucht, Dinge abzuarbeiten. Mails, Rückstände, Listen. Das Gefühl, endlich wieder Land zu sehen. Es wirkt vernünftig. Es wirkt erwachsen. Und doch ist genau dort die Stelle, an der es im Betrieb oft kippt.

Weil Fragen liegen bleiben. Weil Entscheidungen getroffen werden, die sich später als falsch herausstellen. Weil Unruhe entsteht, nicht aus Bosheit, sondern aus Orientierungslosigkeit. Und wenn man dann wieder vor Ort ist, zeigt sich das Muster in einer Klarheit, die weh tut und gleichzeitig bestätigt.

Erstens: Sobald ich wieder da bin, kehrt Ruhe ein.

Zweitens: Ein Teil von mir zieht daraus den Schluss, dass alles andere warten kann. Dass der Kern meiner Arbeit genau hier liegt: Dasein, Lösungsfindung, Coaching. Dass Mails, Nebenschauplätze und das Gefühl, „viel geschafft“ zu haben, nur eine Art Beschäftigungsnebel sind.

Und genau an dieser Stelle fährt der Zug ein.

Ich nenne ihn so, weil er sich genauso anfühlt: ein Sog nach vorne, eine Bewegung, die schwer zu stoppen ist, sobald sie Fahrt aufgenommen hat. Der Zug heißt Anwesenheit. Kontrolle. Vorbeugung. Er verspricht mir, dass ich später weniger reparieren muss, weil ich die Probleme bereits löse, bevor sie entstehen.

Das klingt nach Verantwortung. Es ist auch Verantwortung. Doch es trägt einen Preis, den man selten im Betrieb bezahlt.

Man bezahlt ihn abends.

Zuhause.

Dort, wo Frau und Kind warten, und wo man eigentlich ankommen will. Nicht als Körper, sondern als Mensch. Und trotzdem trägt man den Betrieb mit. Man kommt nach Hause und spürt im selben Moment, ob der Tag „rund läuft“. Dieses Wissen kann beflügeln. Es kann den Kopf leicht machen, den Blick weich, den Abend weit.

Und deshalb bleibt man oft länger.

Man hält den Betrieb so lange wie möglich in diesem Zustand, weil man glaubt, damit auch den Abend zu retten. Weil man hofft, dass Ruhe im Unternehmen Ruhe im Inneren erzeugt. Es ist ein verständlicher Tausch. Und er ist gefährlich, weil er sich logisch anfühlt.

Der Ausstieg aus diesem Zug ist mühsam, weil der Körper Belege sammelt. Er hat gelernt: Wenn du die Zügel locker lässt, fällt es dir auf die Füße. Jede schlechte Entscheidung, die in deiner Abwesenheit getroffen wurde, wird zur Bestätigung. Jede offene Frage, die liegen bleibt, wird zum Argument. Und so entsteht ein System, in dem deine Präsenz zur wichtigsten Ressource wird.

Doch Präsenz ist endlich.

Und sie ist kostbar.

Gerade deshalb braucht es eine andere Form von Führung. Eine, die nicht über Anwesenheit funktioniert, sondern über Klarheit.

Für mich beginnt es mit einer simplen Entscheidung: Der Kern zuerst.

Die wichtigen operativen Aufgaben vor Ort haben Vorrang. Alles, was schnell zu erledigen ist und sich gut anfühlt, darf warten, wenn es den Kern verdrängt. Diese kleinen Aufgaben sind verführerisch, weil sie sofortige Erfolge liefern. Man schließt etwas ab, hakt etwas weg, spürt kurz Ordnung.

Doch Ordnung ist nicht automatisch Wirkung.

Wirkung entsteht dort, wo Geld verdient wird, wo Kunden gewonnen werden, wo Prozesse besser werden, wo Menschen stärker werden. Dort liegt das, was ich „Money-Works“ nenne: Tätigkeiten, die Umsatz und Erfolg direkt beeinflussen. Sales, Strategien, Optimierungen, Training, Coaching. Dinge, die messbar sind, weil sie Realität verändern und nicht nur Oberfläche glätten.

Wenn sie den Tag tragen, verändert sich die innere Lage.

Eine Struktur hilft mir dabei: siebzig Prozent Money-Works, dreißig Prozent sonstige Erledigungen. Keine perfekte Zahl, eher ein Geländer. Ein Rhythmus im Kalender, der mich daran erinnert, wofür ich da bin. Und der verhindert, dass ich mich in Nebel verliere.

Der entscheidende Hebel bleibt trotzdem das Coaching.

Denn Freiheit entsteht selten durch Härte. Sie entsteht durch Befähigung. Delegieren allein reicht nicht, wenn die Menschen, an die delegiert wird, im selben Nebel stehen wie vorher. Es braucht Geduld, Präsenz, Training. Ein sauberer Blick auf Verantwortung. Ein Rahmen, in dem andere entscheiden lernen, ohne dass jede Entscheidung an dir hängen bleibt.

Das dauert.

Aber es baut etwas, das über dich hinaus trägt.

Und dann gibt es noch den zweiten Teil, der oft unterschätzt wird: der Abend.

Denn auch zuhause gibt es Zeitfresser, die sich wie Entspannung anfühlen und doch Energie nehmen. Social Media, Informationen, Schlagzeilen, dieser endlose Strom aus Dingen, die kurz ziehen und schnell verschwinden. Man nennt es Abwechslung, dabei ist es oft nur Lärm in handlicher Form.

Ich merke, wie wertvoll es ist, Langeweile wieder zuzulassen.

Nicht als Leere, sondern als Raum. Als Ort, an dem der Kopf langsamer wird und der Körper nachkommt. Gedanken dürfen ziehen, ohne dass sie sofort etwas erzeugen müssen. Der Moment bekommt Gewicht, weil er nicht überdeckt wird. Dort entsteht eine Form von Kraft, die sich leise anfühlt und lange hält.

Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung: vom Zug zurück zum Bahnsteig.

Zurück zu dem Punkt, an dem ich wieder wählen kann.

Es geht nicht darum, weniger zu leisten. Es geht darum, so zu führen, dass Leistung nicht an Daueranwesenheit gebunden bleibt. Herausforderungen zu meistern, ohne sich dabei zu verlieren. Erfolg zu spüren, ohne ihn mit Anspannung zu bezahlen.

Manche sitzen sehr tief in diesem Zug.

Sie kennen das gute Gefühl, wenn alles läuft, weil sie da sind. Sie kennen auch die Müdigkeit, die kommt, wenn dieses „Da sein“ zur einzigen Lösung wird. Diesen Text schreibe ich für sie. Für die, die schaffen können, die tragen können, die Lösungen finden.

Und die gerade dabei sind, sich selbst wieder einzusammeln.

Denn in der Ruhe hört man etwas, das im Lärm leicht untergeht.

Die Größe dessen, was man geschaffen hat.