Weisheiten eines Lamas

Die Erkenntnis, das Höhen und Tiefen zum Unternehmertum gehören, wie Spucke zu einem Lama. Und dass es all dies braucht um die Schönheit des Lebens zu erfahren.

Date

16.01.2026

16.01.2026

/

Category

Weisheit, Unternehmertum, Höhen+Tiefen, Spucke

Weisheit, Unternehmertum, Höhen+Tiefen, Spucke

/

Writer

Steffen Schillinger

Steffen Schillinger

white llama on green grass field during daytime
white llama on green grass field during daytime
white llama on green grass field during daytime

Angst hat oft eine seltsame Quelle. Sie kommt selten aus dem Moment selbst. Sie kommt aus Erzählungen. Aus Sagen, aus Stimmen, aus diesem Chor, der uns schon vor dem ersten Schritt erklärt, was passieren wird. Und weil der Mensch gern in der Nähe der Herde bleibt, nehmen wir diese Stimmen wie geliehenes Wissen. Wir tragen Erfahrungen, die wir nie gemacht haben, als wären sie unsere eigenen.

Das Tragische daran ist weniger die Angst. Das Tragische ist die verpasste Schönheit.

Ich habe das an einem Tag verstanden, an dem es um etwas lächerlich Kleines ging: um Spucke.

Wir hatten die Möglichkeit, mit Alpakas wandern zu gehen. Vier Alpakas, dazu ein großes Lama, der Boss, wie die Tierwärterin ihn liebevoll nannte. Schon dieses Wort machte etwas mit mir. Boss. Nicht im Sinne von „gefährlich“, eher im Sinne von „geordnet“. Als gäbe es in dieser Herde eine Instanz, die den Raum hält.

Trotzdem hatte ich vorher vor allem eine Geschichte im Kopf. Ich hatte gehört, dass Lamas gern spucken. So sagte man das. So klang es nach Menschen, die es erlebt haben wollten. Und diese Art von Geschichten setzt sich fest, weil sie ein Bild erzeugt: der Moment, in dem du zu nah kommst, und dann passiert es. Ein kleiner Kontrollverlust, den man sich sehr gut vorstellen kann.

Noch vor dem Stall fragte ich die Wärterin, ob Alpakas eigentlich auch spucken.

Sie sagte: „Klar. Und heute ganz besonders.“

In mir kippte etwas. So schnell, dass der Körper es zuerst verstand. Mir wurde auf einmal anders, als hätte sich der Tag verschoben. Und ich merkte, wie der Kopf sofort begann, Wege zu suchen, die wieder sicher wirkten. Vielleicht reicht es doch, hinterherzulaufen. Vielleicht reicht es, zu schauen. Vielleicht braucht es die Zügel gar nicht.

Maxima war dabei. Und plötzlich war da eine zweite Ebene in mir: Verantwortung. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn sie ausbüchst, wenn sie zu nah kommt, wenn irgendetwas passiert. In solchen Momenten wächst die Fantasie wie ein Schatten. Sie findet Varianten, bevor überhaupt eine Realität da ist.

Also hielt ich mich zurück, als Freiwillige gesucht wurden, um eins der Tiere zu führen.

Wir liefen entspannt hinter der Herde her. Der Anblick reichte uns. Und wir begannen zu fachsimpeln, wie Klugscheißer aus der Ferne. Sicheres Wissen, ohne Berührung. Beobachtung, ohne Einsatz. Die Herde vorne, wir dahinter, und dazwischen ein Abstand, der beruhigte.

Nach ein paar hundert Metern drehte sich die Wärterin um. Sie führte den Boss an der Spitze, denn er musste immer ganz vorne laufen, so erklärte sie es. Und dann fragte sie, fast beiläufig, ob wir ihn nicht halten und mit ihm laufen möchten.

Es war einer dieser Sätze, die harmlos klingen und in Wahrheit eine Tür öffnen. Ich spürte, wie das alte Bild vom spuckenden Lama kurz hochstieg. Und gleichzeitig spürte ich etwas anderes: den Wunsch, nicht wieder aus einer Geschichte heraus zu leben.

Also wagten wir den Schritt.

Ich nahm die Zügel. Ich hielt sie eng. Der Körper ging in Kontrolle, bevor der Kopf überhaupt etwas entschieden hatte. Ich wagte keinen Blick in die Augen des Lamas, als könnte ein Blick schon eine Einladung sein. Maxima lief neben mir. Tapfer, unbefangen, fast leicht. Sie kannte die Geschichten ja nicht. Sie ging einfach mit dem Tier, so wie man mit einem Tier geht, das da ist.

Und während wir so liefen, akzeptierte der Boss mich ganz selbstverständlich an seiner Seite.

Das war der Moment, in dem etwas in mir leiser wurde.

Dieses Tier strahlte Ruhe aus. Eine Ruhe, die nichts beweisen musste. Souveränität, die nicht aus Lautstärke entsteht, sondern aus Gewicht. Aus Statur. Aus einem erhabenen Auftreten, das die Umgebung sortiert, ohne sie zu dominieren. Ich merkte, wie meine eigenen Schultern nachgaben. Wie der Schritt sich anpasste. Wie sich etwas in mir auf diese Ordnung einließ.

Ich fragte die Wärterin nach den Unterschieden innerhalb dieser Familie.

Sie erklärte mir, dass Lamas wesentlich ruhiger und entspannter sind als Alpakas. Gleiche Familie, andere Rolle. Und das Lama sei oft der Chef innerhalb dieser Sortierung. Es könne sogar passieren, dass Alpakas ruhiger werden, sobald ein Lama in ihrer Nähe ist.

Dann sprach sie von Regionen, in denen man Lamas gezielt in Herden von kleineren Tieren stellt, um Wölfe fernzuhalten. Wegen der Statur, des Auftretens, des Mutes. Und ja: auch wegen der Spucke. Ein Lama wirkt wie ein Wächter, sagte sie, und in diesem Satz lag etwas, das weit über Tiere hinausging. Ein junges Alpaka wäre schnell Beute, ein Lama verändert das Feld.

Während wir weitergingen, öffnete sich vor uns das Bergpanorama der Dolomiten. Der Himmel war strahlend blau, die Sonne wärmte uns an diesem frischen Januartag. Es war ruhig. Man hörte die Schritte, die leisen Gespräche der Gefährten, das gleichmäßige Tempo dieser kleinen Karawane.

Und dann kam dieses Glücksgefühl. Ganz einfach. Ganz körperlich. Ein Moment, der sich rund anfühlte, als hätte er immer schon auf mich gewartet.

Ich wusste genau, was daran so besonders war: Es war nicht nur die Landschaft. Es war nicht nur der Himmel. Es war diese Art von Ruhe, die entsteht, wenn man einen Schritt macht, den man zuerst vermeiden wollte. Wenn man in etwas hineingeht, das sich unbequem anfühlt, und dort etwas findet, das größer ist als die eigene Vorsicht.

Ich wäre nie in diesen Genuss gekommen, hätte ich mich dem Ruf hingegeben. Hätte ich die Geschichten über Lamas als Wahrheit akzeptiert, ohne jemals die Zügel dieses Tieres in der Hand zu halten. Dann wäre dieses Bild in mir geblieben: Gefahr. Spucke. Peinlichkeit. Und ich hätte es verteidigt, als wäre es Erfahrung.

Natürlich gibt es Erfahrungsberichte, denen man glauben darf. Die heiße Herdplatte gehört dazu. Viele Narrative schützen uns. Und trotzdem tragen wir oft etwas anderes mit uns herum: das Gewicht fremder schlechter Erfahrungen. Wir hören zehnmal etwas Gutes und einmal etwas Schlechtes, und das Schlechte bekommt den Thron. Es fühlt sich klüger an, vorsichtig zu sein. Sicherheit wirkt wie ein Zuhause.

Nur lebt man dann im Schatten dessen, was hätte sein können.

Kerstin sagt immer: „Wo die Angst liegt, ist der Weg.“

An diesem Tag klang das in mir nach, während ich neben dem Boss herlief.

Vielleicht geht es im Leben öfter darum, das kontrollierte Risiko zu suchen. Nicht das blinde Springen. Eher das bewusste Halten der Zügel, während man sich bewegt. Dinge, die am Anfang unbequem wirken, können sich schnell als eine besondere Schönheit entpuppen.

Ich dachte an Unternehmensgründer. An Menschen, die ins Unbekannte gehen, begeistert, wach, überzeugt – und dann an den ersten oder zweiten Hürden hängen bleiben. Vielleicht hilft es, ihnen früh etwas Ehrliches zu sagen: Jedes Unternehmen spuckt. Führung spuckt verdammt oft. Es kommt Unbequemes, es kommt Widerstand, es kommt der Moment, in dem man sich fragt, warum man überhaupt losgegangen ist.

Wer sich innerlich auf den Worst Case einstellt und dann mit etwas Schönem belohnt wird, erlebt dieses Schöne intensiver. Und wer durch Täler geht, durch unbequeme Tiefen, der spürt den Moment nach dem Aufstieg mit einer Klarheit, die sich kaum erklären lässt. Die Tiefe macht die Höhe lebendig. Das Saure schärft das Süße.

Der Unterschied bei den Machern und Impact Makern dieser Welt ist selten Talent. Oft ist es ein Rhythmus: Sie stehen einmal mehr auf, als sie fallen. Sie stolpern, sie werden zu Boden gerissen, sie verlieren kurz den Überblick – und dann finden sie wieder den nächsten Schritt. Dieses Aufstehen, dieses Balancieren, fühlt sich manchmal wie das Schmerzhafteste an. Und irgendwann kommt fast zwangsläufig dieser Satz im Kopf: Ich geb auf. Ich schmeiß hin. Ich geh den bequemen Weg.

Auch das gehört dazu. Der Versuch zählt. Erst wer den Weg beginnt, betritt überhaupt ein Feld, in dem man von Scheitern sprechen könnte. Viele bleiben am Rand stehen und nennen es Vernunft.

Während ich das dachte, ging der Boss weiter, ruhig, vorn, so als wäre der Weg sein natürlicher Zustand. Maxima lief noch immer neben mir. Die Herde folgte. Und ich merkte, wie sich etwas in mir sortierte: weniger als Erkenntnis, mehr als Haltung.

Irgendwann kommt man auf einen Gipfel. Man steht kurz oben, sieht weit, atmet anders.

Und dann beginnt der nächste Abstieg, der nächste Anstieg.

Vielleicht liegt die Kunst darin, diesen Rhythmus zu mögen. So wie diese Wanderung: Schritt für Schritt, Zügel in der Hand, Blick nach vorn, und irgendwo zwischen Sonne und Bergluft die leise Ahnung, dass manchmal ausgerechnet dort Ruhe wohnt, wo vorher Angst war.

Wer hätte gedacht, dass ein Lama so viel in Bewegung setzen kann.